Kaltwasser-Aquarium für Stichlinge

Bereits seit Jahren haben wir den Wunsch, ein "Heimat-Aquarium" mit einheimischen Einrichtungsgegenständen, Wasserpflanzen und Fischen einzurichten. Im Frühjahr 2002 ist es soweit. Zunächst studieren wir verschiedene Quellen, unter anderem das wunderbare Buch "Aquarienpraxis kurz gefaßt" von Hans Frey. Als Jugendlicher hatte ich es mir zigmal aus der Städtischen Leihbücherei entliehen und nun haben wir es über das Internet in einem Antiquariat wieder aufgespürt und für wenig Geld erstanden.

Hans Frey geht in seinem Buch stets von Vorbildern der Natur aus. Neben dem typischen Gesellschaftsaquarium beschreibt er ausführlich das sogenannte Artenaquarium. "Es erlaubt, eine Fischart in allen ihren Lebensäußerungen zu belauschen". Weil insbesondere der Dreistachlige Stichling (Gasterosteus aculeatus) unsere Kindheitserinnerungen weckt, soll es genau solch ein Artenaquarium sein. Hans Frey schreibt dazu:

Hans Frey: Aquarienpraxis kurz gefaßt Stichlinge sind die interessantesten Aquarienfische unserer Heimat. Geringe Größe, ansprechende, in der Laichzeit prächtige Färbung, geringe Lebensansprüche und eine bemerkenswerte Fortpflanzung: das sind alles Vorzüge, die diese Fische auch den teuersten Exoten gleichwertig machen.

Es gibt in den Süßgewässern unserer Heimat zwei Arten, den Dreistachligen und den Neunstachligen Stichling. Wir fangen uns die Fische im zeitigen Frühjahr selbst oder lassen sie uns durch einen Händler besorgen. Besitzen wir nur ein kleineres Becken, so begnügen wir uns mit 1 Männchen / 2 Weibchen; in einem größeren Aquarium kann man auch mehrere Männchen mit einer größeren Zahl von Weibchen zusammen halten. Das Aquarium stellen wir nicht zu sonnig, damit es sich nicht allzusehr erwärmt (21-22°C als Sommertemperatur). Dekoration: nicht zu grober Sand, einige flache Steine, kleine Wurzeln und Rohrstengel. Pflanzen: Pfennigkraut, Tausendblatt, Wasserpest, Hornkraut und andere. Einige Stellen können als Versteckplätze dicht bepflanzt werden, es muß aber auch genügend freier Raum bleiben. Bei der angeratenen Besetzung ist Durchlüftung und Filter unnötig.

Allerdings verlangen Stichlinge lebendes Futter, wobei sie durchaus nicht wählerisch sind. Notfalls kann man ihnen auch einmal ein kleines Stück Schabefleisch oder mageren, gekochten Schinken reichen. Mit Trockenfutter sind sie nicht zu ernähren, meist beachten sie es überhaupt nicht.

Im Frühjahr, bei 17 oder 18°, legen die Männchen ihr Hochzeitskleid an, und die Weibchen sind am stärkeren Leibesumfang leicht als laichreif zu erkennen. Jedes Männchen besetzt nun einen Platz und beginnt alsbald mit dem Nestbau. Der Dreistachlige Stichling errichtet sein Nest aus Pflanzenteilen im Boden, der Neunstachlige hängt es frei zwischen Pflanzen auf. Steht das Männchen eifrig fächelnd am Nest, dann schenken wir den Weibchen die Freiheit. Wir freuen uns des reizvollen Bildes, wenn die kleinen Stichlinge eines Tages unter der Obhut des Vaters Nahrung suchend umherschwimmen. Wenn sich nach einiger Zeit das Männchen nicht mehr um die Jungen kümmert, dann können wir es dorthin tragen, wo wir es gefangen hatten, und können versuchen, einige der kleinen Stichlinge großzuziehen.

Ein Blick in unsere heimischen Teiche wirkt ernüchternd. Das liegt einerseits an der Jahreszeit (Februar), andererseits sehen wir verschlammte Teiche, kaum Wasserpflanzen und jede Menge Müllgegenstände. Trotzdem beschließen wir, bis auf den Schlamm genau so einen Teich als Vorbild zu nehmen - einschließlich einer "dezenten" Beigabe von Müllgegenständen.

Planung der Einrichtung

Um Fäulnisbildungen vorzubeugen, wählen wir statt des Schlammgrundes mittelfeinen Aquarienkies und anstelle der heimischen Sandsteine zwei bereits vorhandene nicht kalkhaltige flache Steine.

Schilfrohrgewächse werden durch dünne Bambusstangen nachgebildet. Als Wasserpflanzen nehmen wir das, was im Februar die einheimischen Gewässer hergeben. Ein paar Rindenstücke, altes Herbstlaub und Fichtennadeln werden ebenfalls eingeplant. Der Müll besteht aus einer Edelstahlschraube, einer Glasmurmel, zwei Fragmenten von Glasflaschen, einem halben Gitterziegel, einem Geldstück, einem Kronkorken und einer kleinen Safttüte.

Technik

Zur Verfügung steht ein 300-Liter-Becken. Weil wir mit weitgehend techniklosen Aquarien gute Erfahrungen gemacht haben, beschließen wir, auf unnötige Technik zu verzichten - bis auf die Aquarienbeleuchtung. Voraussetzungen sind natürlich ein ausgewogenes Verhältnis von sauerstoffspendenden Pflanzen und einer geringen Anzahl von Fischen. Aber für Notfälle steht eine elektrische Membranluftpumpe, Luftschlauch und Ausströmerstein bereit.

Beschaffung und Vorbehandlung von Einrichtungsgegenständen

Bambusstängel, altes Laub, Baumrinde von länger abgelagertem Kaminholz (Buche) und Fichtennadeln werden lange gewässert und mehrfach mit kochendem Wasser überbrüht. Die Bambusstängel werden am unteren Ende mit einer Schlaufe aus Gummilitze verdickt, so dass sie später nicht durch den Auftrieb im Wasser aus dem Aquariengrund gerissen werden. Der Aquarienkies wird gründlich gewaschen - grober Kies für unten - feiner Kies als Deckschicht. Die Steine und der "Müll" werden unter heißem Wasser ohne Reinigungsmittel gründlich geschrubbt.

Beschaffung der Pflanzen

Bei unserer Suche in einheimischen Teichen und Bächen im Februar treffen wir immer wieder auf zwei Wasserpflanzenarten: das wunderbar geeignete Quellmoos und den Frühlingswasserstern. Außerdem finden wir in zwei Teichen die Wasserlinse, eine im Volksmund als "Entengrütze" bezeichnete Schwimmpflanze.

Am Amper Bach

Mit dem Kescher auf der Jagd nach Wasserpflanzen

Wasserpflanzen

Die Ausbeute

Quellmoos

Quellmoos (Fontinalis antipyretica)

Wer kann bei der Identifizierung helfen?

Frühlingswasserstern (Callitriche palustris)

Kleine Wasserlinse

Kleine Wasserlinse (Lemna minor)

Einrichtung des Aquariums

Das Aquarium gut, aber ohne Reinigungsmittel säubern. Groben gereinigten Kies einfüllen. Feinen Kies einfüllen. Vorbereiteten Bambus einsetzen - nicht in Reih und Glied. Weitere Dekorationsgegenstände einbringen - dabei immer am Vorbild Natur orientieren. Wasserpflanzen einpflanzen, das Quellmoos in unmittelbarer Nähe der Steine, an denen es sich später festklammert. Wasser vorsichtig einfüllen. Wasserlinse einbringen. Und nun kommt die schwerste Probe: mindestens 5 Tage abwarten, bis die Fische kommen dürfen.

Zusammen mit den Pflanzen haben wir uns auch ein paar interessante Kleintiere mitgebracht. Es handelt sich um mehrere Bachflohkrebse und um Köcherfliegenlarven. Wir nehmen sie mit in unser Becken. Die Köcherfliegenlarven heißen so, weil sie sich durch ein selbst geklebtes köcherartiges Gehäuse aus kleinen Steinchen oder Pflanzenstängeln vor Feinden schützen. Es sind harmlose Pfleglinge in unserem Aquarium und dauernd unterwegs.

Anfänglich ist das Wasser noch ein wenig trübe, auch bilden sich etliche kleine Luftbläschen und einige Dekorationsgegenstände (Laub und Fichtennadeln) schweben empor. Aber nach 5 Tagen ist die Welt wieder in Ordnung.

Sein richtiges Aussehen wird das Aquarium erst nach 1 bis 2 Monaten erhalten. Dann hat Pflanzen- und Algenwuchs die Unterwasserlandschaft verändert. Auch der Mulm (Schlamm), der sich unter anderem durch die Fischausscheidungen ansammelt, wird auf dem Bodengrund im Becken dafür sorgen, dass dem Vorbild der Natur noch besser entsprochen wird. Es soll dabei allerdings nicht übertrieben werden.

Fang der Stichlinge

Der städtische "Große Teich" in Soest ist als Fangstätte für Stichlinge gut geeignet. Er wird durch viele Quellen gespeist und friert auch im Winter nicht zu. Im Sommer unter Sonneneinstrahlung kann sich das flache Gewässer beträchtlich erwärmen. Weil unser Aquarium im Wohnzimmer steht und damit Wassertemperaturen um die 20 Grad zu erwarten sind, ist es gut, dass die Tiere an recht hohe Temperaturen gewöhnt sind.

Der Fang von Stichlingen ist einfach und macht viel Spaß. Denken wir aber immer daran, dass es sich um lebendige Tiere handelt und gehen behutsam mit ihnen um! Stichlinge sind von Natur aus sehr gefräßig und neugierig. Das nutzen wir aus, indem wir ein etwa 80 cm x 80 cm großes Drahtgeflecht an Nylonfäden langsam in das Wasser bis auf den Grund absenken. Nun werfen wir ein etwa 1 cm großes helles Kartoffelstückchen hinterher. Scharenweise stürzen sich die neugierigen Fischchen darauf. Zügig ziehen wir das Geflecht nach oben und schütten den Fang vorsichtig in einen weichen Kescher (vorher anfeuchten!). Fische sollten niemals mit bloßen Händen angefasst werden!

In Soest am Großen Teich

Ein prima Fang!

Zur Begutachtung des Fangs dient ein kleines Hilfsaquarium aus Kunststoff. Alle Stichlinge mit Auffälligkeiten werden wieder zurück in den Teich gegeben.

Fototermin

Der Wildfang wird begutachtet

Weil so früh im Jahr die Männchen und Weibchen sich noch nicht zuverlässig unterscheiden lassen, nehmen wir etwa 20 Fische und transportieren sie in einem größeren Gefäß mit Deckel schnell nach Hause.

Einsatz der Stichlinge in das Becken

10°C Wassertemperatur hat das Teichwasser. Das Becken in unserem Wohnzimmer hat eine Temperatur von 20°C. Das heißt, dass das Wasser im Transportgefäß erst mit einem elektrischen Aquarienheizer erwärmt werden muss. Zusätzlich legen wir einen über eine Membranpumpe versorgten und über einen Luftschlauch angeschlossenen Ausströmerstein ins Transportgefäß.

Das neue Zuhause

Der Einsatz der Fische in das Becken

Nach einer Stunde ist die Temperatur angeglichen - dauernd über ein Thermometer kontrolliert. Mit einem weichen Kescher werden die Stichlinge ins Becken eingebracht.

Unser Heimataquarium

So sieht das "Heimat-Aquarium" nach einer Woche aus

Ernährung

Stichlinge nehmen nur Lebendfutter? Keine Panik. Im Zeitalter von Gefrierfutter ist der tägliche Fang von Wasserflöhen nicht mehr die notwendige Voraussetzung für die Haltung von Stichlingen. Zwar wird anfänglich nur etwas von den Fischen als Nahrung identifiziert, was sich möglichst ruckartig bewegt, aber allein das Aufwirbeln von Mückenlarven am Beckengrund reicht, den Jagdtrieb zu entfesseln. Nach wenigen Tagen sind die lernfähigen Stichlinge sehr wohl in der Lage, einen Fütterungstermin als solchen zu erkennen.

Rote Mückenlarven und Tubifex-Würmchen kommen besonders gut an. Alles gefroren im Zooladen um die Ecke gekauft. Und wenn es wärmer wird, werden wir das eine oder andere Mal auch Lebendfutter besorgen.

Erfahrungen und Rückschläge

Einige in das Aquarium eingebrachte Gegenstände bewähren sich nicht: die Rinde fault, die Safttüte schimmelt. Wir ersetzen sie durch einen zerbrochenen Blumentopf aus Ton und eine kleine Plastikgabel. Der Frühlingswasserstern schießt mit 2 cm am Tag empor und wächst sich innerhalb 2 Wochen kaputt. Die Pflanzenreste werden noch später eine wichtige Bedeutung erhalten. Auch die Wasserlinse macht uns Sorgen - nach einer Teilreduzierung des Bestandes geht es besser. Wahrscheinlich ist es direkt unter der Aquarienleuchte zu warm. Da wir uns noch nicht entschließen können, einige Fische wieder der Natur zurückzugeben müssen wir wegen der zurückgehenden Bepflanzung das Becken in den Nachtstunden künstlich belüften. Ein Tier verendet leider aus unbekannten Gründen. Nach einigen Tagen pflanzen wir einige Stränge gekaufter Wasserpest und Valisnerien. Jetzt stabilisiert sich das Aquarium. Die Stichlinge scheinen sich sehr wohl zu fühlen.

Stichlin auf der Suche nach Futter

Portrait eines Stichlings

Beobachtungen

Die Stichlinge nehmen ganz klar auch am Leben außerhalb des Aquariums teil. Sie reagieren auf jede Bewegung im Raum, aber auf keinen Fall ängstlich. Sie sind sehr neugierig und haben keine Furcht vor der menschlichen Hand. Sogar wenn für "Unterwasserarbeiten" der gesamte Arm im Becken ist, beißen sie begeistert harmlos zu. Unsere Kinder freuen sich, wenn sie an den Fingern "knabbern".

Stichling vor dem Nest

Ein Stichlingsmännchen vor seinem gut versteckten Nest

Nach drei Wochen baut sich das erste Stichlingsmännchen ein Nest. Die abgestorbenen Pflanzenreste und die Fichtennadeln bilden das Baumaterial. Die Körperfärbung nimmt dezent zu und es wird gegenüber anderen Männchen aggressiver ...

Nach einem wochenlangen "Bauwahn" verschiedener Stichlingsmännchen kommen die ersten sehr warmen Frühlingstage. Wir beobachten, dass die Tiere das permanent über 22°C warme Wasser nicht mögen und brechen für dieses Jahr ab. Den Fischen schenken wir wieder die Freiheit.

Fazit

In einem der nächsten Jahre möchten wir den geplanten Zuchtversuch von Stichlingen im heimischen Becken wiederholen. Um Raufereien zu reduzieren und die Wahrscheinlichkeit der Fortpflanzung zu erhöhen, werden wir dann allerdings maximal 6 Tiere - davon 2 Männchen - in das Becken einsetzen. In der Zeit bis dahin erhöhen wir die Wassertemperatur und lassen durch 4 Blaue Fadenfische (Trichogaster trichopterus) das Aquarium "vorbildlich" aufräumen. Nach vier Tagen sind alle Süßwasserpolypen und Scheibenwürmer "aufgefuttert", nach zehn Tagen auch alle überflüssigen Algen. Das Quellmoos wird etwas dünn, aber wächst langsam weiter. Auch der Wasserlinse macht die erhöhte Wassertemperatur nicht aus. Wir freuen uns auf einen neuen Versuch.

Am Rande

Die fünfjährige Antje nach einer Fütterung: "Die Stichlinge müssen doch bestimmt mal trinken. Komm, wir schütten mal was zu trinken rein." Vater: "Die schwimmen doch im Wasser, da können sie doch immer trinken." Antje: "Aber das ist doch viel zu groß, die müssen was kleines trinken."

Literatur und Internetadressen

Hans Frey: Aquarienpraxis kurz gefaßt
Eine Aquarienfibel in Wort und Bild. Neumann Verlag Radebeul 1968.
Bestellen kann man das Buch im Zentralen Verzeichnis Antiquarischer Bücher.

Faszination Kaltwasseraquarium von Udo Schmitt

Das Kaltwasseraquarium von Hans Beckmann

Informationen zum Dreistachligen Stichling
vom Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes NRW

Ein makabrer Witz? Leider ernst: Carapaus no Forno (Stichlinge im Ofen)

Aqualink - die Sammlung deutschsprachiger Aquaristik-Webseiten

Autoren dieser Seite

Anja und Axel Heymann